Schulterschmerzen und der Zusammenhang zwischen „Impingement“, Engpasssyndrom und Schulterdach
„Da wird etwas eingeklemmt.“, „Du hast zu wenig Platz unter dem Schulterdach.“, „Die Sehne reibt am Knochen.“ – bestimmt hast du solche Aussagen auch schon mal gehört, denn genau das ist es, was Menschen mit Schulterschmerzen seit Jahrzehnten erklärt wird. Das Problem daran ist allerdings die wissenschaftliche Haltbarkeit dieser Aussagen und, dass viele Menschen daraus falsche Vorstellungen über ihren Körper und deren Belastbarkeit entwickeln.
Was sagt die aktuelle Wissenschaft aber zu diesen Aussagen?
Die moderne Forschung zeichnet mittlerweile ein deutlich differenzierteres Bild: Viele klassische mechanische Erklärungsmodelle für Schulterschmerzen sind wissenschaftlich nur eingeschränkt haltbar. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass strukturelle Veränderungen oder vermeintlich „zu wenig Platz“ unter dem Schulterdach Schmerzen oft nur unzureichend erklären können.
In diesem Beitrag versuche ich ein paar zentrale Erkenntnisse aus der aktuellen Literatur zum sogenannten „Subacromial Impingement Syndrome“ zusammenzufassen und dir so hoffentlich ein klareres Bild über dieses Thema zu geben.
Das alte mechanische Modell
Im „alten“ mechanischen Modell gehen wir davon aus, dass Schmerzen primär dadurch entstehen, dass Strukturen unter dem Schulterdach mechanisch eingeengt oder gereizt werden. Bspw.:
Zu wenig Platz unter dem Acromion
Ein „Einklemmen“ der Rotatorenmanschette
Reibung der Sehnen am Schulterdach
Form des Acromions
Fehlhaltungen der Schulter
Fehlende Beweglichkeit
Daraus entstand dann natürlich auch die Idee, dass man mehr Platz schaffen müsse – entweder durch spezielle Übungen, manuelle Techniken oder sogar operative Eingriffe wie die subakromiale Dekompression.
Und genau diese Annahme wird durch neuere Wissenschaft zunehmend kritisch hinterfragt.
Schulterschmerz ist meistens nicht rein mechanisch
Neuere Forschung zeigt zunehmend, dass Schmerzen an der Schulter deutlich komplexer entstehen, als lange angenommen wurde.
Spannend ist bspw., dass Menschen mit Schulterschmerzen häufig keinen geringeren Abstand unter dem Schulterdach haben als beschwerdefreie Personen.
Anders gesagt:
Weniger Platz bedeutet nicht automatisch mehr Schmerz.
Auch klinische Tests wie:
Neer Test
Hawkins-Kennedy Test
Painful Arc
zeigen zwar häufig Schmerzen an, können aber nicht zuverlässig erklären, warum die Schulter schmerzt oder welche Struktur tatsächlich betroffen ist.
Die moderne Forschung beschreibt Schulterschmerzen deshalb eher als multifaktorielles Geschehen.
Schmerz wird beeinflusst durch:
Körperliche Belastung
Belastbarkeit der Sehnen
Schlaf
Stress
Bewegungsverhalten
Angst vor Bewegung
Frühere Erfahrungen
Allgemeine Fitness
Erwartungshaltung
Psychologische und soziale Faktoren
Das soll nicht bedeuten, dass Strukturen völlig bedeutungslos wären – nur, dass sie eben nicht die alleinige Erklärung für Schmerzen liefern.
Das Problem mit der Diagnose „Impingement“
Ein großes Problem des Begriffs „Impingement“ ist, dass viele Menschen dadurch das Gefühl bekommen:
„Da reibt etwas kaputt.“
„Meine Schulter hat zu wenig Platz.“
„Ich darf bestimmte Bewegungen nicht mehr machen.“
„Überkopfbewegungen schaden meiner Schulter.“
Das Problem daran ist, dass daraus häufig Angst, Schonverhalten und Bewegungsvermeidung entstehen.
Menschen beginnen dann oft Bewegungen zu vermeiden, welche eigentlich wichtig wären, um die Schulter wieder belastbarer zu machen.
Brauchen wir wirklich mehr Platz?
Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang die aktuelle Forschung zu Operationen.
Mehrere hochwertige Studien zeigten, dass sogenannte subakromiale Dekompressionsoperationen langfristig häufig nicht besser abschneiden als:
Konservative Therapie
Training
Placebo Operationen
Reine diagnostische Eingriffe
Das bedeutet natürlich nicht, dass Operationen niemals sinnvoll sind – allerdings spricht vieles dafür, dass die Ursache vieler Schulterschmerzen eben nicht primär ein mechanischer Engpass ist.
Wäre „zu wenig Platz“ die Hauptursache, müsste eine Operation zur Vergrößerung dieses Raumes deutlich bessere Ergebnisse liefern.
Genau das konnte die Forschung allerdings häufig nicht zeigen.
Was bedeutet das für unsere Therapie?
Es spricht nichts gegen Übungen, manuelle Therapie oder kurzfristige symptomlindernde Maßnahmen – lediglich die Erklärung der Ursache von Schulterschmerzen und damit auch die Erklärung der Therapie muss überdacht werden.
Hilfreich wäre es, wenn man Menschen nicht mehr vermittelt, dass ihre Schulter:
Kaputt
Instabil
Eingeengt
Fragil
Dauerhaft geschädigt
sei.
Stattdessen sollten wir Menschen eher helfen bei:
Bewegung
Belastungsaufbau
Kraftentwicklung
Vertrauen in die Schulter
Körperlicher Aktivität
Schmerzverständnis
Progressiver Belastung
Individuellen Strategien im Alltag
Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, auch manuelle Techniken oder symptomlindernde Maßnahmen zu verwenden – bspw. als kurzfristige Unterstützung oder Einstieg in die Therapie – allerdings sollte dies eben nicht die alleinige Therapie bleiben.
Fazit
Die moderne Forschung zeigt zunehmend, dass Schulterschmerzen deutlich komplexer sind als ein simples „Einklemmen“ unter dem Schulterdach.
Das bedeutet nicht, dass Schmerzen „eingebildet“ sind oder Strukturen keine Rolle spielen – sondern vielmehr, dass Schmerzen von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst werden.
Die gute Nachricht daran ist:
Die Schulter ist meistens belastbarer und anpassungsfähiger, als viele Menschen denken.
Ein sinnvoller Therapieansatz sollte deshalb nicht primär Angst vor Bewegung erzeugen, sondern Menschen dabei helfen, wieder Vertrauen in ihre Schulter und deren Belastbarkeit zu entwickeln.
Literatur
Neer CS. (1972). Anterior acromioplasty for the chronic impingement syndrome in the shoulder.
Neer CS. (1983). Impingement lesions.
Park HB et al. (2005). Diagnostic Accuracy of Clinical Tests for Subacromial Impingement Syndrome.
Lewis J. (2016). Rotator cuff related shoulder pain: Assessment, management and uncertainties.
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Park SW et al. (2020). No relationship between the acromiohumeral distance and pain.
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Paavola M et al. (2021). Subacromial decompression versus placebo surgery.
Karjalainen TV et al. (2019). Cochrane Review on subacromial decompression surgery.
Cuff A & Littlewood C. (2018). What does “subacromial impingement syndrome” mean for patients?
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