Hohlkreuz und Rückenschmerzen – Ist deine Haltung wirklich das Problem?

Kaum ein Begriff wird im Zusammenhang mit Rückenschmerzen so häufig verwendet wie das „Hohlkreuz“. Viele Menschen bekommen bereits in jungen Jahren gesagt, sie hätten ein zu starkes Hohlkreuz und müssten ihre Haltung korrigieren, um spätere Beschwerden zu vermeiden. Nicht selten wird das Hohlkreuz sogar als direkte Ursache von Rückenschmerzen dargestellt.

Doch was sagt die Wissenschaft dazu?

Die aktuelle Evidenz zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild.

Was ist ein Hohlkreuz überhaupt?

Als Hohlkreuz bezeichnet man umgangssprachlich eine verstärkte Krümmung der Lendenwirbelsäule nach vorne. Der medizinische Fachbegriff dafür lautet lumbale Hyperlordose.

Wichtig ist dabei:

Eine Lordose der Lendenwirbelsäule ist völlig normal. Sie gehört zur natürlichen Form der menschlichen Wirbelsäule und hilft dabei, Belastungen im Alltag zu verteilen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht:

„Habe ich ein Hohlkreuz?“

sondern vielmehr:

„Ist meine Wirbelsäulenform überhaupt problematisch?“

Verursacht ein Hohlkreuz Rückenschmerzen?

Die kurze Antwort lautet:

Wahrscheinlich deutlich seltener, als viele Menschen denken.

Über viele Jahre wurde angenommen, dass ein ausgeprägtes Hohlkreuz automatisch zu Rückenschmerzen führt. Die aktuelle Forschung kann diese Annahme jedoch nicht überzeugend bestätigen.

Eine wichtige systematische Übersichtsarbeit von Laird und Kollegen untersuchte 43 Studien mit mehreren tausend Teilnehmern und verglich Menschen mit und ohne Rückenschmerzen (Laird et al., How consistent are lordosis, range of movement and lumbo-pelvic rhythm in people with and without back pain?, PMID: 27658946).

Das Ergebnis war überraschend:

Einige Studien fanden bei Menschen mit Rückenschmerzen eine stärkere Lordose, andere eine geringere Lordose und wieder andere überhaupt keinen Unterschied.

Die Autoren kamen deshalb zu dem Schluss, dass die Evidenz für einen klaren Zusammenhang zwischen der Größe der Lordose und Rückenschmerzen insgesamt inkonsistent ist.

Mit anderen Worten:

Allein anhand der Haltung lässt sich nicht zuverlässig vorhersagen, ob jemand Rückenschmerzen hat oder nicht.

Warum haben viele Menschen mit Hohlkreuz keine Beschwerden?

Wenn ein Hohlkreuz automatisch Schmerzen verursachen würde, müssten praktisch alle Menschen mit einer ausgeprägten Lordose Beschwerden entwickeln.

Das passiert jedoch nicht.

Tatsächlich gibt es zahlreiche Menschen mit einem deutlichen Hohlkreuz, die:

  • keine Rückenschmerzen haben

  • sportlich aktiv sind

  • uneingeschränkt belastbar sind

Genauso gibt es Menschen mit Rückenschmerzen, die überhaupt kein ausgeprägtes Hohlkreuz aufweisen.

Das deutet darauf hin, dass Rückenschmerzen deutlich komplexer sind als die reine Form der Wirbelsäule.

Ist Haltung also völlig egal?

Nein.

Hier wird häufig von einem Extrem ins andere gedacht.

Aus der Tatsache, dass ein Hohlkreuz nicht automatisch Rückenschmerzen verursacht, kann man nicht ableiten, dass Haltung grundsätzlich bedeutungslos ist.

Die aktuelle Forschung zeigt vielmehr:

Die Beziehung zwischen Haltung, Bewegung und Schmerzen ist komplex.

Interessanterweise fanden Laird und Kollegen deutlich konsistentere Unterschiede beim Bewegungsverhalten als bei der statischen Haltung.

Das bedeutet:

Wie sich Menschen bewegen, könnte unter Umständen wichtiger sein als die Frage, wie sie im Stand aussehen.

Gibt es die perfekte Haltung?

Auch diese Vorstellung wird durch die aktuelle Evidenz zunehmend infrage gestellt.

Menschen unterscheiden sich:

  • in ihrer Anatomie

  • in ihrer Beweglichkeit

  • in ihrem Körperbau

  • in ihren Bewegungsgewohnheiten

Deshalb gibt es wahrscheinlich nicht die eine perfekte Haltung, die für alle Menschen gleichermaßen gilt.

Viel wichtiger scheint die Fähigkeit zu sein, verschiedene Positionen einzunehmen und Belastungen gut zu tolerieren.

Denn der menschliche Körper ist nicht dafür gemacht, dauerhaft in einer einzigen „idealen“ Haltung zu verharren.

Muss ein Hohlkreuz behandelt werden?

Nicht automatisch.

Wenn jemand:

  • keine Schmerzen hat

  • im Alltag uneingeschränkt funktioniert

  • sportlich aktiv ist

gibt es meist keinen Grund, die Haltung zwanghaft verändern zu wollen.

Anders kann es aussehen, wenn bestimmte Positionen oder Bewegungen Beschwerden auslösen. Dann kann es sinnvoll sein, gemeinsam mit einem Therapeuten individuelle Bewegungsstrategien zu entwickeln oder Belastungen besser zu steuern.

Das Ziel sollte dabei jedoch nicht sein, eine vermeintlich perfekte Haltung zu erreichen, sondern die Belastbarkeit und Funktion zu verbessern.

Was hilft bei Rückenschmerzen wirklich?

Die aktuellen Leitlinien zu Rückenschmerzen legen ihren Fokus nicht auf Haltungskorrekturen, sondern vor allem auf:

  • regelmäßige Bewegung

  • Krafttraining

  • Belastungsaufbau

  • Schlaf und Regeneration

  • Stressmanagement

  • Aufklärung über Schmerzmechanismen

Die Forschung zeigt immer deutlicher, dass Rückenschmerzen von vielen Faktoren beeinflusst werden und selten auf eine einzelne strukturelle Ursache zurückzuführen sind.

Fazit

Das Hohlkreuz wird häufig als Ursache von Rückenschmerzen dargestellt. Die aktuelle wissenschaftliche Evidenz unterstützt diese Annahme jedoch nur begrenzt.

Menschen mit Rückenschmerzen haben nicht zwangsläufig ein stärkeres Hohlkreuz als beschwerdefreie Menschen. Ebenso entwickeln viele Menschen mit einer ausgeprägten Lordose niemals Beschwerden.

Entscheidend ist daher meist nicht, wie deine Wirbelsäule aussieht, sondern wie belastbar sie ist.

Statt die eigene Haltung permanent korrigieren zu wollen, lohnt es sich häufig mehr, den Fokus auf Bewegung, Kraft, Belastbarkeit und einen aktiven Lebensstil zu legen.

Quellen

  • Laird R.A., Kent P., Keating J.L. – How consistent are lordosis, range of movement and lumbo-pelvic rhythm in people with and without back pain? (PMID: 27658946)

  • Hartvigsen J. et al. – What low back pain is and why we need to pay attention (Lancet, 2018)

  • NICE Guideline – Low Back Pain and Sciatica in Over 16s