Rückenschmerzen und der Zusammenhang zwischen Beckenschiefstand, ISG-Blockade oder Beinlängendifferenz

 

„Dein Becken ist schief.“, „Dein ISG blockiert.“, „Deine Beine sind unterschiedlich lang.“ – bestimmt hast du diese Aussagen auch schon mal gehört, denn das ist es was wir den Menschen mit Rückenproblemen seit Jahrzenten erzählen. Das Problem daran ist, die wissenschaftliche Haltbarkeit der Aussagen und, dass viele Menschen aus diesen Aussagen falsche Vorstellungen über Ihren Körper und deren Belastbarkeit entwickeln.

 

Was sagt die aktuelle Wissenschaft aber zu diesen Aussagen?

 

Die moderne Forschung zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild: Viele klassische biomechanische Modelle sind wissenschaftlich nur schwach abgesichert. Zahlreiche diagnostische Verfahren zeigen eine geringere Zuverlässigkeit und viele vermeintliche „Fehlstellungen“ finden sich auch bei beschwerdefreien Menschen.

 

In diesem Beitrag versuche ich ein paar zentrale Erkenntnisse aus der aktuellen Literatur zu den genannten Themen zusammenzufassen und dir so hoffentlich ein klareres Bild über diese Thema zu zeigen.

 

Das alte biomechanische Modell:

Im „alten“ rein biomechanischen Modell gehen wir davon aus, dass Schmerz primär durch Fehlstellungen oder Störungen der Bewegung entstehen. Bspw.:

-       Ein verschobenes Becken

-       Ein blockiertes ISG

-       Muskuläre Dysbalancen

-       Asymmetrische Haltung

-       Verkürzte Muskeln

-       Beinlängendifferenzen

 

Das entstand dann natürlich auch die Idee, dass wir Therapeuten solche Störungen ertasten oder anschließend sogar manuelle „korrigieren“ könnten.

Und genau in dieser Annahme liegt das Problem, welches durch neuere Wissenschaft zunehmend kritisch hinterfragt wird.

 

Rückenschmerz ist meistens nicht rein mechanisch

 

Setchell et al. (2017) zum Beispiel zeigte, dass Menschen mit chronischen Rückenschmerzen ihre Beschwerden häufig selber schon biomechanisch erklären

-       „Mein Becken ist schief“

-       „Meine Wirbelsäule ist krumm“

-       „etwas ist verrutscht“

Das Problem daran ist, das aus diesen Überzeugungen häufig Angst und damit Schonverhalten und Katastrophisierung einhergehen und Menschen anfangen Bewegungen zu vermeiden, welche eigentlich gut für sie und die jeweilige Problematik wäre.

 

Die moderne Forschung beschreibt Rückenschmerzen als multifaktorielles Geschehen.

Schmerz wird beeinflusst durch:

-       Körperliche Belastung

-       Stress

-       Schlaf

-       Bewegungsverhalten

-       Angst

-       Emotionen

-       Erwartungshaltung

-       Frühere Erfahrungen

-       Allgemeine Fitness

-       Soziale und psychologische Faktoren

 

Das soll nicht bedeuten, dass die Biomechanik völlig bedeutungslos wäre – nur, dass sie eben nur einen und vor allem nicht, den alleinigen Anteil daran hat.

 

Können Therapeut:Innen Fehlstellungen zuverlässig ertasten?

 

Ein zentrales Problem vieler manueller Diagnosen ist ihre geringe Reliabilität – bedeutet also, wenn zwei Leute dieselbe Untersuchung machen, müssen wir uns die Frage stellen, ob auch wirklich dasselbe Ergebnis dabei raus kommt – meistens nicht!

 

Mehrere Untersuchungen fanden nur geringe bis mäßige Übereinstimmungen bei:

-       Beckenasymmetrien

-       Tastbaren Knochenpunkten

-       Gewebespannung

-       Segmentaler Dysfunktionen

-       ISG Tests

 

Das bedeutet also, das zwei erfahrene Therapeuten bei derselben Person, sehr oft zu unterschiedlichen Befunden kommen.

 

Die ISG Blockade:

 

In Radiostereomatischen Untersuchungen wurde festgestellt, dass sich das ISG bewegen kann, allerdings sind es sehr kleine Bewegungen, welche oft nur minimal messbar waren. Daraus können wir also schließen, dass viele klinische / manuelle Tests, diese Bewegungen gar nicht zuverlässig erfassen können – und damit auch keinerlei Interpretation über die Bewegungsqualität des ISG möglich ist.

 

Spannend ist auch, dass in dem Zuge, keine Positionsveränderungen durch bspw. Manipulationstechniken festgestellt werden konnten.

Das bedeutet nicht, dass Manipulationen wirkungslos sind – die Erklärung warum sie wirken aber eine andere ist.

Wahrscheinlich funktionieren Manipulationen also eher aufgrund:

-       Neurophysiolgischer Effekte

-       Veränderter Schmerzverarbeitung

-       Muskeltonusänderungen

-       Erwartung der betroffenen Person

-       Kurzfristige Neuromodulation

 

Wenn wir das Wissen, können wir uns diese Techniken, natürlich auch zu Nutze machen, müssen uns aber auch, über die Kurzfristigkeit des Effekts im Klaren sein, wenn man es rein bei der Manipulation belässt.

 

Ähnliches Gilt auch für Beinlängendifferenzen und die Haltung im Allgemeinen.

 

 

Was bedeutet das für unsere Therapie?

 

Es spricht nichts gegen manuelle Therapie, lediglich die Erklärungen der Ursache und damit auch die Erklärung und Anwendung der der Wirkung der Therapie müssen überdacht werden.

Hilfreich wäre es, wenn man Menschen nicht mehr vermittelt, dass ihr Körper:

-       Instabil

-       Schief

-       Fragil

-       Dauerhaft verschoben

Sei.

 

Stattdessen sollten wir Menschen eher helfen bei:

-       Bewegung

-       Belastungsaufbau

-       Körperlicher Aktivität

-       Schlaf

-       Stressmanagement

-       Vertrauen in den Körper

-       Progressive Belastung

-       Individuelle Strategien zu lernen

 

Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, auch manuelle Techniken zu verwenden – bspw. Zur kurzfristigen Symptomlinderung oder als Einstieg in die aktuelle Therapie, aber es sollte eben nicht die alleinige Therapie sein.

 

 

Literatur:

 

·  Setchell J et al. (2017). Individuals’ explanations for persistent or recurrent low back pain.

·  Lederman E. (2011). The fall of the postural-structural-biomechanical model.

·  Nolet PS et al. (2021). Reliability and validity of manual palpation.

·  van der Wurff P et al. (2000). Clinical tests of the sacroiliac joint.

·  Sturesson B et al. (2000). Movements of the sacroiliac joints.

·  Tullberg T et al. (1998). Manipulation does not alter SI-joint position.

·  Alfuth M et al. (2021). Leg length discrepancy review.

·  Herrington L. (2011). Pelvic tilt in asymptomatic populations.